HUBERT LOBNIG
WOHIN VERSCHWINDEN DIE GRENZEN? Kam mizÝ hranice?

2009












Wohin verschwinden die Grenzen? Kam mizí hranice?                             Where do The borders go?
Eine temporäre Installation von Iris Andraschek und Hubert Lobnig am Grenzübergang Fratres/Slavonice

„Borders are vacillating. This does not mean that they are disappearing. Less than ever is the contemporary world a „world without borders“. On the contrary, borders are being both multiplied and reduced in their localization and their function; they are being thinned out and doubled, becoming borders zones, regions or countries where one can reside and live. The quantitative relation between „border“ and „territory“ is being inverted.“  aus „Politics and the other Scene“,  Étienne Balibar, Verso, London, New York

Der Grenzübergang Fratres/Slavonice hat eine sehr spannende Struktur: Einerseits bildet er mit Fratres einen (zumindest aus österreichischer Sicht) Endpunkt; Fratres ist ein Dorf mit ca. 25 Einwohnern, jahrzehntelang isoliert, andererseits liegt der Grenzort nur 1500 Meter von der mittelgroßen Stadt Slavonice entfernt. Orientierung und Organisation der BewohnerInnen von Fratres richtet sich nach wie vor Richtung Süden, nach Waldkirchen und Dobersberg, wo Kindergarten, Schule, Gemeindeamt, Bürgermeister etc. situiert sind und nicht in Richtung Slavonice, wohin es historische aber kaum aktuelle Verbindungen gibt, außer, dass die Bauern schon länger über die Grenzen hinaus wirtschaften. Die im Zuge der Landesausstellung neu gebaute Straße führt nun vorbei an Fratres direkt  nach Slavonice. In der österreichischen Grenzstation ist noch Grenzpolizei untergebracht (die Verträge wurden gerade zwei Jahre verlängert), die jeden Morgen ins Land fährt um irgendwo Kontrollen durch zu führen, in der tschechischen wohnen ehemalige Grenzbeamte. Daneben steht – noch – eine kleine Wechselstube.
Die Arbeit „Wohin verschwinden die Grenzen?“ wird direkt neben dem in den frühen 90er Jahren errichteten (postmodernen) rot bemalten, österreichischen Grenzübergang bei Fratres aufgebaut.
Eine Metallkonstruktion, (4m hoch und über 50m lang), die an Leichtbaukonstruktionen wie sie in Tschechien vor allem in der verstaatlichten Landwirtschaft verwendet wurden, aber auch an Zäune, Abgrenzungen, Absperrungen erinnert, zieht sich entlang einer Böschung weit sichtbar wenige Meter von der eigentlichen Grenzlinie entfernt hin. Die Konstruktion dient als Display für einen Schriftzug und für Bildtafeln, und verweist gleichzeitig auf staatliche und private Abgrenzungsstrategien.
Zentrum dieser Konstruktion ist eine Fotoarbeit, die mit LaiendarstellerInnen aus Europa und Afrika in Cizov gestellt wurde, wo ein letzter Rest musealisierter „Eiserner Vorhang“ steht (Cizov ist der Infopoint des tschechischen Nationalparks Thayatal, nördlich von Hardegg).  In den Fotos wurden Grenzszenen aus Mexiko/USA, Lampedusa/Nordafrika, Ungarn/Österreich, Berliner Mauer etc., die durch ihr oftmalige Erscheinen in den Medien schon zum „kollektiven Gedächtnis“ gehören, nachinszeniert.Weiters sind Teile der Recherche und Fotoarbeit über die österreichisch-tschechische Grenze, die in den letzten Jahren entstand auf dem Gerüst zu sehen. Die Arbeit ist darauf angelegt, aus größerer Distanz beim Vorüberfahren, aber auch bei einem kleinen Spaziergang im Detail betrachtet zu werden.
Sichtbare Grenzen werden in Europa (natürlich nur innerhalb der Europäischen Union) nach einem festgelegten Zeitplan  abgebaut und verschwinden (scheinbar): Der paradoxe Satz „Wohin verschwinden die Grenzen?“ stellt sich selbst in Frage. Würden sie wirklich verschwinden, müsste man nicht fragen, wohin.  Also sie wandern, einerseits an die EU-Außengrenzen, wo sie in sehr ähnlicher Erscheinungsform (Stacheldrahtzäune, Absperrungen, Mauern, strenge Personen- und Warenkontrollen, wenige extrem ausgebaute und gesicherte Grenzübergänge etc.) wieder auftauchen, andererseits weg von der Grenze in das Land hinein, in eine Aufwertungsdiskussion der Regionen, in zunehmende Kontrollen, die überall auftreten können, in unsere Köpfe, in Siedlungen, in Diskussionen und Maßnahmen zu Sicherheit, Migration, Aufenthaltsrecht etc. ...
„Was die Deterritorialisierungstheorien übersehen, ist, dass es bei der Situation der Entgrenzung nicht bleibt. Globalisierung als zunehmenden Abbau althergebrachter Grenzen zu verstehen ist nur die eine Seite der Medaille. Mit gesehen werden muss, dass der Abbau der Grenzen an einer Stelle das Errichten von Grenzen an einer anderen Stelle nach sich zieht. Durch diesen Prozess werden zwar alte Räume abgebaut, aber auch neue errichtet. Es kommt zu einer Reorganisation des Raums und einer Diversifizierung politischer Räume, die sich neben, unter und über dem Nationalstaat etablieren.“ aus „Räume, Orte, Grenzen“, Markus Schroer, surkamp wisswenschaft 2006

 

Where do The borders go? Wohin verschwinden die Grenzen? Kam mizí hranice?

The situation surrounding the two boarder communities of Fratres and Slavonice was researched and photographed by Andraschek and Lobnig to provide a chain of referential images supplementing the lettering. The research was not only based on the concrete geographical givens but also on the shifting of the borders within a global political order that attempts to regulate immigration and migration as a defining force. While the Fratres/Slavonice border crossing does not represent part of a broader memory in the mass-media, it is primarily photographs depicting events on the borders between Mexico and the USA, North Africa and Lampedusa/Italy or Hungary and the Republic of Serbia that are repeatedly addressed in the media in a context of immigration policy. Andraschek and Lobnig also included photographs of these regions in their panels of images along the lettering as an allusion to the existence of precarious of attempts to flee and international refugee smugglers that are continually at the focus of mass-media interest.
Specific to the local situation in Fratres and Slavonice, the installation engages with the changes in local structures for working and living in a setting that once required heightened policing and security and that has now been reduced to a few routine controls on the border, now heightening exchange between the two communities as passage across the national borders is unhindered. Military facilities in the woodland of the region are commemorative fragments of a historical period that question the meaning of earlier political measures, which is visualised by Andraschek's and Lobnig's artistic signal as a marker in the landscape of the present with its allusion to the altered geopolitical structures.

 Walter Seidl 2009

 


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